Sabine Käppler

Ein Deckbett aus Papier / Gesichter aus Brot / ein Ritter auf einem Ast / Schneebälle aus Porzellan / ein Ventilator aus zusammengenähten Blättern / Afrika aus Eis / ein gefährliches Tier in einem Innenhof / Brote aus Ton / Blindenschrift auf Seife / ein Eisbär-Anzug in Südafrika …

Sabine Käppler ist eine professionelle Übersetzerin : sie übersetzt und transportiert. Durch ihr Zutun gerät etwas wieder irgendwo anders hin, verlässt das eigene Biotop.

Das bedeutet, dass etwas aus einem ganz anderen Material erstellt wird, als man es erwarten würde. So wird zum Beispiel ein modelliertes Gesicht – nicht etwa aus Ton, sondern aus Brotteig – aus dem gewohnten Bereich der Bildhauerkunst in die Küche hinein manövriert.
Schneebälle landen, weil sie aus Porzellan geformt sind, im Geschirrschrank und sind nicht Teil eines Wintervergnügens. Oder ein Ventilator: zusammengenäht aus Blättern, die er eigentlich wegwehen sollte.

Anderseits sind die räumlichen Verschiebungen manchmal wortwörtlich aufzufassen. So hat der gesamte afrikanische Kontinent auf einer Landkarte das Eis von Grönland geliehen. Ein eigenartiges Tier hat in dem Innenhof einer Galerie sein bereits bizarr abgegrenztes Territorium verlassen.
Und schon taucht ein Eisbär trampend in Südafrika auf.

Indem sie alles an einen anderen Ort platziert und die gewohnte Gestalt der Dinge verändert wird alles, was Sabine Käppler in die Hände nimmt, von Neuem erfahrbar.
“… das Beste, was man tun kann, ist also alle Dinge als unbekannt anzusehen und spazieren zu gehen oder sich unter Bäumen oder im Gras auszustrecken und alles noch einmal von vorn anzufangen …“, sagte Francis Ponge einmal. Dies ist das Motto von Sabine Käppler, und es scheint, als funktioniere es auch noch.Text: Maarten de Reus

 

SABINE KÄPPLER – DER BLICK HINTER DIE DINGE.
Mein Neid erwachte, als ich ihre Kaktuscollagen (Studien 2019) zum ersten Mal sah. Sie lagen aufeinander gehäuft zu einer ovalen Schale. Kakteen, die aussahen wie verängstigte Tiere. Stechend und bezaubernd zugleich. Diese räumliche Collage hätte ich gerne selbst konzipiert. Wenn ich ehrlich bin, war ich schon früher eifersüchtig auf ihre Portraits aus gebackenem Brotteig. Früher oder später haben wir alle ein Brotteiggesicht. Bis es so weit ist, lieber Leser, liebe Leserin, nehmen Sie sich die Zeit, sich noch weitere Werke von Sabine Käppler anzusehen. Fangen Sie mit einem der goldenen Steine („Transformierte Buddhas“) an. Sie atmen Größe und unermesslichen Reichtum und entbehren doch den Ballast von Besitz. Greifen Sie zu, fühlen Sie. Es ist ein Festhalten unter Vorbehalt. Denn Sabines Kunst ist nicht zum Festhalten gedacht, sondern um drum herumzulaufen. Faszinierend sind auch ihre „Loops“: Kleine Elemente, die gemeinsame eine erstarrte Reise antreten. Oder sind es Gedankensprünge? Kunst ist immer eine Sache des Betrachtenden, der die Bedeutung selbst erfassen und bereit sein muss, dieser Bedeutung wiederum keine endgültige Bedeutung beizumessen.
Sabine Käppler setzt sich auch mit Bienen auseinander – eine jahrelange große Liebe. Sie füllt Bienenwaben aus Karton mit gefärbter Wachsmalkreide. Die Objekte fühlen sich an wie aus Wachs. Diese Leidenschaft kann liegend bewundert oder an die Wand gehängt werden. „Der Geruch von Bienenwachs, Propolis und Honig ist einfach unbeschreiblich. Vielleicht suche ich einfach nur eine Form dafür“, sagt Sabine Käppler. Die Suche ist Kunstschaffenden eigen. Wonach, wissen sie erst, wenn sie es gefunden haben. Wer Sabine Käpplers Kunst einmal gesehen hat, wird sie nicht mehr vergessen. Sie ist elementar, frei von Schnickschnack. Es ist der Blick hinter die Dinge, der das Unbegreifliche übersetzt. Mehr kann man nicht erreichen. Text: Jos Houweling, 2020


Vita

  • 1998-heute    Leben und arbeiten in Rotterdam – Niederlande.
  • 1996-98          Sandberg Instituut Master of Fine Arts, Amsterdam – Niederlande.
  • 1993-96          Gerrit Rietveld Academy, Amsterdam – Niederlande.
  • 1988-92          Fachhochschule für Gestaltung, Schwäbisch Gmünd – Deutschland.
  • 1966                 Geboren in Stuttgart- Deutschland.